Feuer kann man nicht mit Benzin löschen

Vor knapp einem Monat veröffentlichte das Statistische Bundesamt eine erste Schätzung zur Entwicklung des preisbereinigten Bruttoinlandsprodukts (BIP) in Deutschland für das zweite Quartal dieses Jahres: -0,1 Prozent. Zugleich korrigierte das Bundesamt damals seine Quartals- und Jahresdaten zum BIP für die zurückliegenden vier Jahre, was auf eine Senkung der geschätzten gesamten Wirtschaftsleistung 2023 und 2024 hinauslief. Am vergangenen Freitag hat das Bundesamt seine Schätzung zur BIP-Entwicklung im zweiten Quartal 2025 revidiert: Statt -0,1 Prozent berechnet es jetzt ein Minus von 0,3 Prozent.

Dass die deutsche Wirtschaft seit Jahren bestenfalls auf der Stelle tritt und zu kämpfen hat, in keine heftige Rezession abzugleiten (vgl. Abbildung 1), ist inzwischen hinlänglich bekannt. Die Schwierigkeiten begannen bereits 2018, also weit vor der Corona-Krise. Die jetzt vorgenommene Korrektur des Quartalsergebnisses um 0,2 Prozentpunkte nach unten kann mit der üblichen Bandbreite statistischer Unsicherheiten erklärt werden.

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Distanzierung von Heiner Flassbecks Ansichten zur Koalitionsbildung nach der Bundestagswahl 2025

An dieser Stelle distanziere ich mich von den Ansichten, die mein langjähriger und geschätzter Lehrer Heiner Flassbeck öffentlich in zwei Beiträgen – einmal im Overton-Magazin und einmal im Freitag – hinsichtlich der Koalitionsbildung einer neuen Bundesregierung geäußert hat.

Heiner Flassbeck empfiehlt, die Union aus CDU und CSU solle mit der AfD koalieren. Er begründet das folgendermaßen: „CDU/CSU und AfD können nur entzaubert werden, wenn sie Verantwortung tragen und versuchen, ihr wirtschaftspolitisches Programm durchzusetzen. Dann werden sie entweder alle ihre Vorurteile in Sachen Staatsverschuldung, Steuern und die Bevorteilung der Reichen über Bord werfen müssen oder kläglich scheitern. Nur wenn die Masse der Bürger, vor allem in Ostdeutschland sieht, dass auch die AfD nur mit sehr wenig Wasser kocht und nichts für die kleinen Leute tut, ist eine wirkliche Wende möglich. Wer in einer schwarz-roten Koalition herumdoktert, ohne wirklich erfolgreich zu sein, betreibt das Geschäft der AfD.

Diese Auffassung teile ich in keiner Weise.

Heiner Flassbeck behauptet, der „Wille des Volkes“ sei eindeutig, es wolle „eine rechte Regierung, die stramm konservative Politik macht. Wer die Demokratie ernst nimmt, muss klipp und klar sagen: Lasst sie machen!“. Das halte ich für eine nicht zu belegende Interpretation des Wählerwillens. Denn wer aus Enttäuschung über die Ampel-Regierung oder aus positiver Überzeugung der Union seine Stimme gegeben hat, konnte dies bis zu einem gewissen Grad im Vertrauen auf das Versprechen des Kanzlerkandidaten Friedrich Merz tun, keinesfalls eine Koalition mit der AfD einzugehen. Auch wenn Friedrich Merz und die Union durch ihr Agieren am 29. und 31. Januar 2025 im Bundestag viel an Glaubwürdigkeit genau hinsichtlich dieses Versprechens eingebüßt haben, dürften sich zumindest Teile der Wählerinnen und Wähler der Union getäuscht sehen, wenn die Union entgegen ihrer Beteuerungen nach dem 31. Januar, eine Zusammenarbeit mit der AfD sei auf jeden Fall ausgeschlossen, jetzt doch eine Regierungskoalition mit der AfD bildete.

Die Demokratie ernst zu nehmen bedeutet in meinen Augen insbesondere, sich an seine vor der Wahl gegebenen Versprechen zu halten. Zweifellos ist das nicht immer zu hundert Prozent möglich, weil die Demokratie Kompromisse erfordert. Doch Kompromisse in Form einer Koalition mit einer Partei wie der AfD einzugehen, die die Beseitigung unserer Demokratie betreibt, sind für mich mit nichts zu rechtfertigen, auch nicht mit den Aussichten auf die nächste Bundestagswahl.

Ganz besonders distanziere ich mich von der im Overton-Beitrag geäußerten Bezeichnung derjenigen, die gegen eine Regierungsbeteiligung der AfD auf Bundesebene sind, als „Gutmenschen“. Eine solche Einordnung empfinde ich als Diffamierung. Die Hoffnung darauf, eine Koalition aus Union und SPD könne wirtschaftspolitisch etwas Besseres erreichen und vor allem auf dem Gebiet der Gewaltenteilung, der Presse- und Meinungsfreiheit sowie der Bildung Schlimmeres verhindern, als was eine Regierungsbeteiligung der AfD mit sich brächte, ist nicht naiv. Zumindest ist sie nicht naiver als Heiner Flassbecks Vorstellung vom Ergebnis einer solchen Beteiligung: „[I]n vier Jahren [wüsste] jeder, der es wissen will, dass es rechts der Mitte kein Konzept für einen Aufschwung der Wirtschaft gibt.

Die wirtschaftliche Entwicklung spielt für die Entscheidungen der Wählerinnen und Wähler auch in meinen Augen eine zentrale Rolle und wird das auch bei der nächsten Bundestagswahl tun. Wem ein Scheitern auf diesem Gebiet aber in die Schuhe geschoben werden würde, wäre im Fall einer Regierungsbeteiligung der AfD völlig offen. Was, wenn vor allem die Union damit in Verbindung gebracht würde und das mit Stimmverlusten zu quittieren hätte, während die AfD als der kleinere Koalitionspartner mit der Behauptung, sie habe ihr Programm nicht vollständig durchsetzen können und sei ohnehin für jahrelange Fehlentscheidungen von Vorgängerregierungen nicht haftbar zu machen, profitierte?

Die Entwicklung in Polen, wo die als national-konservativ bezeichnete Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) von 2015 bis 2023 zwei Wahlperioden hintereinander regierte, hat gezeigt, dass es einer demokratisch gewählten Regierung innerhalb von acht Jahren durchaus möglich ist, demokratische Grundprinzipien wie die Gewaltenteilung so stark zu schwächen, dass auch eine anders ausgerichtete nachfolgende Regierung Mühe hat, diese Grundprinzipien wiederherzustellen. Dieses Risiko heute ohne Not in Deutschland einzugehen, halte ich für falsch.

Über die Gründe, die Heiner Flassbeck bewogen haben, einer Koalition von Union und AfD öffentlich ernsthaft und mit Nachdruck das Wort zu reden, möchte ich nicht spekulieren. Ihm ist es wie jedem anderen Bürger unseres Landes gestattet, seine persönliche Meinung zu welchem Themengebiet auch immer zu äußern. Da mein Name jedoch durch viele Jahre der wissenschaftlichen Zusammenarbeit mit seinem in Verbindung gebracht wird, ist es mir ein Anliegen, meinen konträren Standpunkt öffentlich deutlich zu machen.

Video: Paneldiskussion in Bremerhaven

Vom 25. – 27. Oktober 2024 fand die Jahreskonferenz des Forum InformatikerInnen für Frieden und gesellschaftliche Verantwortung (FIfF e.V.) an der Hochschule Bremerhaven statt. Unter anderem gab es eine Paneldiskussion über das Thema „Blick auf globale Zusammenhänge von Nachhaltigkeit“ mit dem Nachhaltigkeits- und Friedensforscher Jürgen Scheffran und mir. Die Moderation hatte Rainer Rehak.

Was der Debatte um die Schuldenbremse fehlt

Dieser Beitrag ist am 23. 8.2024 auf telepolis.de fast wortgleich erschienen.

Das Gezerre um den Bundeshaushalt 2025 nimmt kein Ende. Die FDP hat sich der Einhaltung der Schuldenbremse als ihrem Markenkern auf Biegen und Brechen verschrieben, auch in Hinblick auf die anstehenden Landtagswahlen. Weil alle drei Koalitionäre vorgezogene Neuwahlen im Bund fürchten, haben es SPD und Grüne aufgegeben, eine Reform oder gar Abschaffung der Schuldenbremse in dieser Legislaturperiode anzustreben. Stattdessen tragen sie ihre Streitigkeiten um die öffentlichen Finanzen mit den Liberalen fast täglich über die Medien aus. Letztere füllen ihr Sommerloch bereitwillig mit diesem Dauerthema und diskutieren mit und ohne Fachleute eifrig, welche einzelnen Haushaltsposten unabweisbar sind und welche weniger Priorität verdienen in den konjunkturell schlechten Zeiten.

Was der Debatte praktisch vollständig fehlt, ist eine angemessene gesamtwirtschaftliche Perspektive.

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Gibt es Impulse aus dem Nichts? Die Wirtschaftspolitik scheitert an der Quadratur des Kreises

Am 29. Februar 2024 ist eine modifizierte Fassung dieses Beitrags in der Wochenzeitung „der Freitag“ erschienen.

Monatelang hat sich die Regierung blind und taub für die sich anbahnende und inzwischen eingetretene Rezession gestellt. Im Oktober ging sie in ihrer Herbstprojektion von einem Wirtschaftswachstum 2024 von 1,3 % aus. Die Begründung für diesen Optimismus damals: „Zurückgehende Inflation, Lohnzuwächse und eine stabilere Nachfrage werden zu Wachstum führen.“ Zudem habe die erwartete Entwicklung „auch mit den Maßnahmen der Bundesregierung zu tun“, so der Bundeswirtschaftsminister. Er führte dazu aus dem Klima- und Transformationsfonds (KTF) finanzierte Investitionen, das Wachstumschancengesetz und einen Maßnahmenkatalog für die Bauwirtschaft an.

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Migration und Schuldenbremse – Kann die Wirtschaftswissenschaft den Extremismus „inhaltlich stellen“?

Dieser Beitrag ist am 4.2.2024 auf telepolis.de fast wortgleich erschienen.

Es ist richtig und zugleich eine Binsenwahrheit: Die Alterung der Bevölkerung Deutschlands genau wie der Klimawandel stellen unser Land und seinen Staatshaushalt vor langfristige Herausforderungen. Diese wären ohne Zweifel leichter zu bewältigen, wenn man einen realistischen Blick in die fernere Zukunft werfen könnte. Das kann man allerdings nicht. Es wird dennoch versucht, sei es mit einfachen Extrapolationen (also Fortschreibungen schon vorhandener Trends) oder mit mathematisch anspruchsvollen Modellen.

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Urteil zur Schuldenbremse – Verschärfung der Abwärtsspirale?

Dass die Höhe, in der der deutsche Staat heute und in den nächsten Jahren de facto Ausgaben auf Kredit tätigt (ganz gleichgültig, wann, wo und wie die Finanzierung dieser Ausgaben verbucht wird), einen großen Einfluss auf die deutsche Wirtschaft und damit automatisch auf die europäische ausübt, steht außer Frage. … Unabhängig von volkswirtschaftlichen Theorien, Modellen, ideologischen Vorstellungen und juristischen Rahmenbedingungen muss die grundlegende Logik einer monetären Volkswirtschaft, dass die Summe aller Ausgaben gleich der Summe aller Einnahmen der Wirtschaftssubjekte ist, in jeder rationalen (Wirtschafts-)Politik berücksichtigt werden.

Das bedeutet im Kern, dass Sparen – ganz gleich von welcher Seite – ein Problem schafft, weil es immer die Einnahmen und die Gewinne der Unternehmen verringert. Berücksichtigt man das nicht, werden nicht nur die eigenen Ziele [der Wirtschaftspolitik] nicht erreicht, sondern es kommt über die nationalen Grenzen hinaus zu konjunkturellen Rückschlägen, für die die Regierung auch dann verantwortlich ist, wenn sie sie nicht beabsichtigt hat.

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Was bedeutet Sparen?

Antwort auf einen Leserkommentar

In meinem Beitrag „Christian Lindner verteidigt die Schuldenbremse auf Kosten der Gesamtwirtschaft“ steht folgender Satz: „Sparen heißt, weniger Ausgaben zu tätigen als Einnahmen zu erhalten. Und das erfordert spiegelbildlich, dass jemand mehr ausgibt, als einnimmt, sich also verschuldet.“ Das kritisiert ein Leser, der darauf hinweist, der Begriff „Sparen“ umfasse mehr als die Veränderung des Geldvermögens, nämlich zusätzlich auch noch die Veränderung des Sachvermögens. Letzteres bezeichnet man auch als (Sach-)Investition. Man müsse beides zusammen betrachten, Geld- und Sachvermögen, also das Reinvermögen bzw. dessen Änderung, wenn man von „Sparen“ spreche. Das ist vollkommen richtig, wenn man den Begriff „Sparen“ umfassend definieren will, was aber gar nicht mein Anliegen war.

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Video-Serie #VWLfuerEinsteiger

In nächster Zeit werde ich auf dem Video-Kanal https://www.youtube.com/@fspiecker-de regelmäßig Videos veröffentlichen, in denen ich Fragen zu gesamtwirtschaftlichen Themen beantworte. Dabei wird es sowohl um Aktuelles als auch um grundsätzliche Überlegungen gehen, wie eine großenteils marktwirtschaftlich organisierte Volkswirtschaft funktioniert. Was daraus für die Wirtschaftspolitik folgt, soll für Laien so verständlich wie möglich erklärt werden. Mein Interview-Partner ist Stefan Dudey.

Christian Lindner verteidigt die Schuldenbremse auf Kosten der Gesamtwirtschaft

Dieser Beitrag ist am 7.11.2023 auf telepolis.de erschienen.

In einem Gastbeitrag für den Spiegel verteidigt Bundesfinanzminister Christian Lindner die im Grundgesetz verankerte Schuldenbremse, die es dem deutschen Staat weitgehend verbietet, neue Schulden aufzunehmen, sofern keine außergewöhnliche Notsituation oder Naturkatastrophe vorliegt. Bei seiner Argumentation vernachlässigt der Bundesfinanzminister die gegenseitige konjunkturelle Abhängigkeit der vier volkswirtschaftlichen Sektoren.

Das beruht vermutlich auf der Auffassung, dass Konjunktur und langfristige Entwicklung einer Volkswirtschaft nicht viel miteinander zu tun hätten. Diese Fehleinschätzung teilt Christian Lindner mit vielen Makroökonomen. Sie führt zu einer systematisch schlechteren Wirtschaftspolitik.

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